Logo der Universität Wien

Buchtipps

Susanne Heine, Gedanken für den Tag

Anja

Keine Geschichten für Kinder

In der Ö1-Sendung "Gedanken für den Tag" hat die Autorin 48mal
von Anjas alltäglichen und hintergründigen Fragen erzählt.
Jetzt kann man diese Gedanken in einem Buch nachlesen.

Erschien im Verlag Tyrolia im März 2001.
Die Buchpräsentation war im Radio Café, Argentinierstaße 30A, 1040 Wien
am 29. März 2001, 19:00 Uhr.

Lebenssinn ist ein großes Wort, aber gebraucht wird er im Alltag.
Kann man ihn erst ergründen, wenn man alt und erfahren ist?
Schon Kinder wollen einfache Antworten auf schwierige Fragen.
Anja, fünf Jahre alt, fragt; aber die Mutter antwortet nicht sofort.
Zu viele Widerstände, Einwände, Ausflüchte drängen sich auf.
Aber sie weicht nicht aus; jede Kinderfrage schenkt ihr eine Einsicht.
Deshalb sind die Geschichten von Anja keine Geschichten für Kinder.
Sie erzählen von der Erkundung möglicher Antworten.
Sie lösen eine Kettenreaktion von Aha-Erlebnissen aus,
wecken verdrängte Fragen, inspirieren zu Entdeckungen.
Der Alltag ist voll von Antworten, die sich noch versteckt halten

Inhaltsverzeichnis

Alles, was lebt

  1. Es muß gesagt werden
  2. Geschöpfe Gottes
  3. Sogar die Maus
  4. Nicht nur Vater
  5. Etwas Wichtiges
  6. Verschwendung


Leid und Leidenschaft

  1. Nicht erlaubt
  2. Gewaltsame Liebe
  3. Einander verzehren
  4. Bedrohliche Wünsche>
  5. Das Rätsel teilen
  6. Fürchte dich nicht


Was morgen sein kann

  1. Keim einer neuen Welt
  2. Hase mit Engel
  3. Kleiner Vorgeschmack
  4. Himmliches Kleid
  5. Ein Entwurf


Geist und Ungeist

  1. Komm bald
  2. Geprüftes Vertrauen
  3. Zumutungen
  4. Planeten und Pfingstrosen
  5. Ansteckungsgefahr


In die Freiheit

  1. Jetzt leben
  2. Zerreißproben
  3. Zur Sicherheit
  4. Ein Hauch Ewigkeit
  5. Wer ernten will
  6. Nicht ohne Gepäck
  7. Verbundensein


Abschied nehmen

  1. Herbstwind
  2. Zuviel Licht
  3. Gehen lassen
  4. Letzte Hoffnung
  5. Nicht zu glauben
  6. Zwei Gesichter


Erwartung und Ankunft

  1. Zwei in der Krippe
  2. Trost des Aufschubs
  3. Glitzer und Glanz
  4. Unscheinbare Verpackung
  5. Väter zur Wahl
  6. Böses im Spiel
  7. Schatten der Weihnacht


Zeit der Wende

  1. Nichts bleibt beim Alten
  2. Kunst des Übergangs
  3. Für eine Weile
  4. Nicht immer die Fülle
  5. Verschüttete Leidenschaft
  6. Zeichendeuten

 

Keine Geschichten für Kinder

Fragen, meinte Oscar Wilde, sind nie indiskret, Anworten bisweilen. Das muß man Kindern zugute halten, die sich nicht scheuen, das Selbstverständlichste wie das Komplizierteste zu fragen, wenn sie einmal entdeckt haben, daß Fragen ein praktischer Weg sein kann, hinter das Geheimnis von Dingen, Zuständen und Ereignissen zu kommen.

Die Angefragten sind in einer viel schwierigeren Lage. Haben die Erwachsenen das Antworten gelernt wie die Kinder das Fragen? Sie wissen über die Jahre, wie viele Fragen unbeantwortet bleiben und wie viele Antworten auf dem Markt sind, nach denen niemand gefragt hat. Deshalb bedeutet es eine ernste Herausforderung, auf naive Fragen ehrliche Antworten zu suchen. Antworten auf nicht gestellte Fragen sind leicht bei der Hand; aber von noch nicht bedachten Fragen zu brauchbaren Antworten zu kommen – das ist ein Hindernislauf zwischen Widersprüchen und Einwänden, abwehrenden Emotionen und leichten Ausflüchten.

Dieser Hindernislauf ist das Thema der Geschichten von Anja. Deshalb sind sie keine Geschichten für Kinder, die zwar ein treffsicheres Gefühl für die Redlichkeit von Antworten haben, aber nicht ermessen können, was zwischen Frage und Antwort abläuft. Denn die einfachsten Fragen nach Gott und der Welt brauchen zur Beantwortung einen raschen Durchlauf durch die eigene Lebenserfahrung ebenso, wie durch die Weisheit der Bibel und die Denkmühe der Theologie; und was schließlich herauskommt, soll kinderleicht zu verstehen sein und dennoch vor dem Gericht der Tradition bestehen können.

Die Geschichten von Anja wollen den Prozeß hörbar machen, der sich zwischen Frage und Antwort abspielt. Es sind knappe Texte, da sie fürs Radio verfaßt wurden, für die Ö1 – Sendung „Gedanken für den Tag“. Was da jeweils in den drei Minuten vor den Morgennachrichten durch den Äther rauscht, hat viel mit den kurzen Gesprächen zu tun, die sich zwischen Mutter und Kind abspielen und mitten in alltägliche Handgriffe hineinplatzen. Da ist nicht lange Zeit für wortreiche Expertisen und langatmige Rückfragen. Die Antworten müssen kurz und plausibel sein und einer wechselnden und abgelenkten Aufmerksamkeit standhalten. Wie komplex das Thema auch ist, verlangt es doch eine einfache Form und zugleich danach, eine tiefere Schicht anzusprechen, in der sich Sinnorientierung bildet. Daraus entstand die Idee, Kinderfragen als Rahmen zu wählen und den geistigen Prozeß nachzuzeichnen, der in der oft überraschten Mutter abläuft. Dabei entdeckt sie, daß die Kinderfragen im Grunde ihre eigenen Fragen sind, die sie nicht mehr zu stellen gewagt hatte. Ihre Antworten kommen nicht aus einem angelernten Schulwissen, sondern sind für sie selbst eine Entdeckungsreise in eine spirituelle Welt.

Die Geschichten von Anja sind auch Frauengeschichten zwischen Mutter und Tochter, in denen die Abwesenheit der Männer und Väter manchmal schmerzlich erlebt wird. Denn auch danach fragt Anja bisweilen mit Wut oder aus Resignation. Die Geschichten präsentieren keine heile, sondern eine realistische Welt als den Boden, aus dem die Fragen herauswachsen und immer wieder auch die tröstenden Antworten. Die Reaktionen auf die Sendung zeigen, daß sich auch Männer in solche Fragen hineinnehmen lassen.

Die Themen und Anlässe für die Geschichten von Anja sind aus dem christlichen Festkalender und aus dem Rhythmus der Jahreszeiten gewonnen: Passion und Ostern, Pfingsten und Totengedenken, Advent und Weihnachten, Jahreswende, Frühling, Sommerferien und Herbst. In diesen Kreis wurden aktuelle Ereignisse eingewoben wie etwa der Krieg im Kosovo. Auch hier geht es darum nachzuzeichnen, wie Fragen des Glaubens aus der Begegnung mit einem Leben entstehen, wie es tatsächlich gelebt wird. Antworten sind bisweilen indiskret, wenn sie die Frage nicht ernst nehmen. Die Geschichten von Anja sind ein Versuch, diskret zu sein.

 
Sogar die Maus

„Bitte, bitte, darf ich sie behalten?“, bettelte Anja und hielt krampfhaft einen Karton in der Hand, in dem eine weiße Maus rumorte, die eine Freundin ihr geschenkt hatte.

Die Mutter seufzte und malte sich schon die Folgen aus: Wir brauchen einen Käfig, ein Haus, damit die Maus sich verstecken kann, einen Wasserspender, ja und noch ein Laufrad, damit das arme Tier Bewegung hat. Sie überschlug die Kosten und kam auf etwa 600 Schilling. Merkwürdig, dachte sie, die lebendige Maus kostet nichts, aber verursacht eine Menge Ausgaben. Da kam ihr unvermittelt in den Sinn, daß das bei ihrer Anja genauso gewesen ist. Eine verkehrte Welt, dachte die Mutter empört. Das Leben ist so kostbar und teuer und kostet nichts, aber der ganze andere Plunder, Gitterbett, Kinderwagen, Spielzeug, muß teuer bezahlt werden.

Ob wir deshalb das Leben so wenig achten, fragte sich die Mutter, weil es nichts kostet? Ob wir deshalb so leichtfertig mit dem Leben anderer, auch mit dem eigenen Leben spielen? Sie fühlte sich plötzlich überwältigt von der Vorstellung, wie verschwenderisch die Natur ist, wie sie ununterbrochen Leben hervorbringt. Aber plötzlich begannen sich ihre Gedanken ins Gegenteil zu verkehren. Die Mutter fand die Natur brutal, weil sie Leben schafft, ohne die Folgen zu bedenken, und in einem Ausmaß, daß wir uns sogar davor schützen müssen. Irgendwie ist das des Kostbaren auch zu viel, und was in zu großer Menge vorhanden ist, entwertet sich selbst.

Die Mutter erschrak vor ihren eigenen Gedanken und suchte nach einem Grund, Leben dennoch für kostbar zu halten, nach einem Grund, der jedem Lebewesen seine Existenzberechtigung und den Menschen ihre Würde bewahrt. Und sie konnte keinen anderen Grund finden als Gott, der die brutale Natur in eine gewollte Schöpfung verwandelt, wie sie selbst ihre Anja zuletzt doch gewollt hatte. Zu Anja sagte die Mutter: „Natürlich behalten wir die Maus“, und sie bemerkte: Ich will das Tier auch.

 

Susanne Heine, Frauenbilder Menschenrechte

Theologische Beiträge zur feministischen Anthropologie

 

Inhaltsverzeichnis

Freiheit, Gleichheit - Weiblichkeit

Zwei Gesichter des Feminismus
Anthropologien im neuzeitlichen Diskurs

Zerreißproben und Ganzheitsphantasien
Biologie und Humanität der Geschlechter

Variationen über Gut und Böse
Zum Problem einer feministischen Ethik

Biblische Befunde

Paulus und die Frauen
Herkunft einer Wirkungsgeschichte

Eine Person von Rang und Namen
Historische Konturen der Magdalenerin

Die Verwandlung Marias
Von der Mutter Jesu zur Mutter Gottes

Das Kreuz mit der Liebe

Sünde, Kreuz und Frauenbefreiung
Feministische Theologie als Religionskritik

Zwischen Ohnmacht und Allmacht
Das Dilemma der Seele

Spielarten des Begehrens
Zur Rehabilitation des Eros

 

Freiheit, Gleichheit - Weiblichkeit

Die Behauptung, daß Frauen eine niedrigere Art der Gattung Mensch darstellen, zieht sich als ein roter Faden durch philosophische und theologische Texte. Die Frau sei körperlich schwächer, daher auf das Haus beschränkt, see-lisch instabil, daher zu echter Freundschaft nicht fähig, ethisch labiler, daher unter die Aufsicht der Männer zu stellen, und im Bereich des Geistigen zwar schlau, aber ohne systematische Vernunft. Dieses Frauenbild ist auch aus Revolutionen unbeschädigt hervorgegangen. Als die Französische Revolution die Menschenrechte verkündete, meinte sie nur die Männer. Die Einforderung der Menschenrechte für Frauen wurde damals mit der Guillotine beantwortet. Noch die 68er-Revolution unseres Jahrhunderts verstand sich vornehmlich als männliche Unternehmung.

Zugleich war die Französische Revolution die Geburtsstunde der Frauenbewegung und des Kampfes um gleiche Rechte. Das wachsende Bewußtsein der Frauen dafür, daß ihnen ein besonderer Geschlechtscharakter zugeschrieben wurde, der ihrer Menschenwürde nicht entsprach, legte die Widersprüche offen, die zwischen Anspruch und Praxis der Menschenrechte klaffen. Die 200 Jahre währende Auseinandersetzung führte auf unterschiedliche Denkwege; bis heute herrscht keine Einigkeit darüber, was Frausein bedeutet, wenn man den Entwurf von Weiblichkeit nicht mehr dem männlichen Blick überlassen will.

Auch dort, wo die Rechtsgleichheit in die Gesetzesbücher eingetragen ist, machen Frauen nicht die Erfahrung, überall willkommen zu sein. Die Methoden der Ausgrenzung sind unauffälliger geworden, die Widersprüche geblieben. Daher scheint vielen Frauen die Forderung nach Gleichberechtigung nicht der angemessene Weg. Der umgekehrte Versuch, die Geschlechterdifferenz in einem unterschiedlichen natürlichen ‘Wesen’ zu begründen und den Frauen die größere Naturnähe zu attestieren, steht heute im Kontext einer umfassenden Kulturkritik. Es ist eine offene Frage, ob Frauen damit nur zu ihrem Selbstbild machen, was ihnen seit eh und je von Männern zugeschrieben wurde, oder ob sich Gleichheit und Differenz zusammendenken lassen, ohne alte Klischees zu reproduzieren.

Das aus dem Diskurs der Aufklärung verdrängte ontologische Denken bot eine Handhabe, an das Naturwesen Mensch zu erinnern und sichtbar zu machen, daß auch der Mann nicht einfach der Mensch schlechthin ist, sondern durch sein Geschlecht das Signum der Endlichkeit trägt. Aber es führt in eine Sackgasse, wenn man meint, natürlich sein bedeute schon gut sein, um damit die Mühen des moralischen Urteils abzustreifen. So geht es immer noch um die Frage, ob für Frauen die Rechte des Menschen zu erkämpfen seien, oder ob es darauf ankäme, die Mächte des Weiblichen zur Geltung zu bringen.

 

Biblische Befunde

Paulus wird gemeinhin für die Abwertung der Frauen in der christlichen Tradition verantwortlich gemacht. Er gilt als Vater einer Wirkungsgeschichte, die bis in die Gegenwart ihre bedauerliche Fortsetzung gefunden hat. Aber die Geschlechterhierarchie, die er weitergibt, ist nicht seine Erfindung, sondern war schon lange vor ihm bestimmend. Paulus lebte in der kulturellen Vielfalt des Hellenismus und suchte die jüdische Theologie und die griechische Philosophie zu verbinden. Er stand vor dem Problem, das traditionelle Frauenbild mit der tatsächlichen Rolle der Frauen in den ersten Gemeinden auf einen Nenner zu bringen, ohne daß ihm dies wirklich gelungen wäre. Seine Lösungen blieben unausgegoren, so daß es Frauenfeinden wie Frauenfreunden möglich ist, sich auf ihn zu berufen. Er selbst konnte sich aber wenigstens noch in Widersprüche verwickeln. Neben dem großen Strom der Überlieferung, der aus der Feder von Männern fließt, finden sich Rinnsale und unterirdische Bäche weiblicher Prominenz: Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jesu. Wiewohl sie das Johannesevangelium beide unter dem Kreuz stehen läßt, hat sie die Tradition in einen Gegensatz zueinander gebracht. Die Magdalenerin, offenbar die wichtigere Figur in der Jesusbewegung, wurde an den Rand gedrängt, während die Mutter Jesu, die ihn zeit seines Lebens kaum verstanden hat, in den Mittelpunkt rückte. Hinter diesem Vorgang läßt sich ein Konkurrenzproblem in der Jerusalemer Gemeinde rekonstruieren. Wer einer Erscheinung des Auferstandenen gewürdigt worden war, galt als apostolische Autorität und als Kandidat für ein Leitungsamt. Was aber tun mit einer Frau, der dasselbe widerfahren war, die aber nicht als amtsfähig galt? Die Apokryphen zeigen ungeschminkter als die kanonischen Texte, daß Maria von Magdala eine Frau von Rang und Namen gewesen sein muß und eine Herausforderung für die dominante Rolle des Petrus darstellte. Der Mutter Jesu widerfuhr in der Tradition ein anderes Schicksal. Erst nach Ostern ist sie im Kreis der Apostel zu finden, erst die theologische Poesie der Kindheitsgeschichten räumt ihr den Platz in der Heilsgeschichte ein, den schließlich das Konzil von Ephesos mit dem Titel der Gottesgebärerin würdigte. Diese Verwandlung wurde den Frauen als Modell einer gehorsamen und demütigen Haltung vor Augen gestellt. Aber die Verwandlung Marias hat einen theologischen Sinn: als Vorbild des Glaubens für alle Christen, die Männer nicht ausgenommen; und als Beglaubigung der Menschwerdung eines Gottes, der nicht auf das Große, sondern das Kleine schaut, und die Demutsrhetorik als Heuchelei entlarvt.

 

Das Kreuz mit der Liebe

Die Traditionen sind alt und gewichtig, der Widerstand gegen sie ist vergleichsweise jung. Viele Frauen wollen sich nicht mehr mit der Auskunft abspeisen lassen, es sei eben ein Paradox, daß das Kreuz, an dem einer zu Tode gebracht wird, Ausdruck der göttlichen Liebe sein soll. Sie reagieren darauf mit einer Religionskritik, die aus dem Geist eines Ludwig Feuerbach stammt. In diesem Fall wird der Theologie der Spiegel aber nun aus weiblicher Perspektive vorgehalten, um daran zu erinnern, daß auch das weibliche Geschlecht eine göttliche Repräsentationsfigur brauche. Andere Frauen sehen die Christologie für eine feministische Rezeption als unwiderbringlich verloren an und begeben sich in die postchristliche Position. Dem steht der Versuch gegenüber, das Menschsein Jesu als ethisches Vorbild erneut zu betonen. Läßt sich dem christlichen Inkarnationsgedanken ein Sinn abgewinnen, ohne daß das Kreuz zum Symbol für ein weibliches Opferleben wird? Doch auch religionskritische Positionen sind nicht von vornherein den Frauen gewogen. Sigmund Freud sagt dem weiblichen Geschlecht einen aus psychodynamischen Gründen unvermeidbaren Masochismus nach, der dann auch dazu herhalten muß zu erklären, warum die Frauen im friedliebenden Matriarchat so schnell ein Opfer der männlichen Eroberer werden konnten. Erst von Frauen wurden die Einseitigkeit des männlichen Blicks und die tatsächliche Benachteiligung der Frauen im sozialen Leben ins Spiel gebracht, die sich nach der rechtlichen Gleichstellung in subtileren Formen äußert. Aber es könnte auch sein, daß die kindliche Ent-deckung der anatomischen Geschlechtsunterschiede die erste narzißtische Kränkung für beide Geschlechter darstellt und, wenn diese seelische Bewährungsprobe nicht bestanden wird, in das Dilemma zwischen Ohnmacht und Allmacht führt. Zunehmend faßt das feministische Interesse nicht mehr nur die Geschichte und Situation der Frauen ins Auge, sondern die Differenz der Geschlechter und deren Beziehung zueinander. Denn einseitige Zuschreibun-gen haben letztlich immer beiden Seiten geschadet, Frauen wie Männern. Was sich zwischen ihnen abspielt, ist weiterer Überlegungen über das Begehren wert, das über die Geschlechterbeziehung hinausgeht und bis zur Lust an der Erkenntnis reicht. Die christliche Tradition hat nie ein rechtes Verhältnis zum Eros entwickelt, sich aber in der Geringschätzung des Begehrens immer wieder selbst übertroffen. Die Agape wurde gegen den Eros ins Treffen geführt, männliches Begehren der sündhaften weiblichen Leiblichkeit angerechnet. Daher ist eine Rehabilitation des Begehrens angesagt: Eros und Agape haben ihr Gelingen und ihr Versagen, sie begrenzen einander, ohne einander zu ersetzen: ein Wechselspiel, das nie zu einer endgültigen Lösung gelangt.

 

Susanne Heine, Liebe oder Krieg? Das Doppelgesicht der Religion

Erschienen im Picus-Verlag, Wien 2005
In der Reihe „Wiener Vorlesungen“

Textauszüge aus dem Buch:

Religion hat einen zweifelhaften Ruf. Sie kann eine Quelle von Liebe und Frieden sein, aber auch von Hass und Krieg. Die Gläubigen verteidigen sie, Opfer religiöser Gewalt und Beobachter dieses grausamen Geschehens wollen mit ihr nichts zu tun haben. Die Wissenschaften suchen die objektive Distanz, um herauszufinden, welches Gesicht Religion wirklich hat oder aus welchen Gründen sie dieses wechselt. Wenn Religionspsychologie und Theologie zusammenarbeiten, können sie dafür plausible Ursachen entdecken, die das finstere Gesicht der Religion nicht auf das herkömmliche moralische Urteil zurückführen, dahinter stehe allein die böse, religiös verbrämte Absicht macht- und geldgieriger Menschen.

Das Pendel der Extreme

Was Religion bewirken oder anrichten kann, zeigt sich in den Extremen: Auf der einen Seite finden sich religiös motivierte Menschen, unter ihnen solche, die als Heilige gesehen werden: Franz von Assisi mag als Beispiel für sie stehen. Viele sind imstande, eine besondere Atmosphäre zu verbreiten wie Johannes XXIII.; über ihn, damals Nuntius in Frankreich, sagte Robert Schumann, damals französischer Außenminister, er sei der einzige „Mann in Paris“, in dessen Gegenwart man die „physische Empfindung von Frieden“1 verspüre. Viele haben Widerstand gegen Gewalt und Menschenverachtung geleistet: Der Hindu Mahatma Ghandi gegen die britische Besatzungsmacht in Indien, der sich auch von der christlichen Bergpredigt inspirieren ließ, Dietrich Bonhoeffer gegen das Nazi-Regime, Martin Luther King gegen den Rassismus in den USA oder Mutter Theresa gegen mitmenschliche Gleichgültigkeit angesichts von Leiden und Sterben. Ihnen allen ist gemeinsam, dass ihr Widerstand religiös motiviert war und jede Gewaltanwendung vermied. Erstaunliche Werke der Liebe und Barmherzigkeit sind unter ihren Händen aufgeblüht. Diese Geisteshaltung findet sich nicht nur im Rückblick auf die Geschichte und durchaus in allen Religionen.
Auf der anderen Seite lehrt diese Geschichte, dass Religion besonders grausame Kriege verursacht hat und Menschenverachtung im religiösen Gewand erschreckende Ausmaße annehmen konnte, wenn z.B. die römische Inquisition vermeintliche Ketzer und Hexen bei lebendigem Leib verbrannte. Diese Entgleisungen sind zwar im Raum der christlichen Religion Vergangenheit, aber das Rätsel bleibt, warum so etwas überhaupt möglich sein konnte. Kriege im Namen Gottes tobten zwischen Christen und Muslimen und nicht weniger zwischen Christen unterschiedlicher Konfession oder unter den Muslimen verschiedener Richtungen. Religionen und Weltanschauungen traten als unfehlbar auf und führten ihren Vernichtungskampf unter der Flagge der Gerechtigkeit. Über Massaker, Folter und Selbsttötung um des Heiligen willen wird beinahe täglich in den Zeitungen berichtet. Dieses andere Gesicht der Religion lässt nichts zu als den eigenen Glauben und den eigenen Gott, dem alle anderen Menschen, die anders glauben, mit - angeblicher - Berechtigung zum Opfer gebracht werden.
Religion, so scheint es, hält das Pendel der Radikalität in Bewegung. Woher kommt dieses Doppelgesicht der Religion? Woran liegt es, dass die tiefste Überzeugung von Menschen solche Extreme hervorbringen kann? Wie ist es möglich, dass ausgerechnet der Glaube daran, dass diese Welt und die Geschicke der Menschheit von göttlicher Liebe getragen sind, in so viel verzweifelten Hass umschlagen kann? ...
Der 11. September 2001: Wie kann es zu so etwas kommen?, fragen sich Pyszczynski, Solomon und Greenberg, die Beckers Hypothesen durch empirische Forschungen stützten,2 unter dem Gesichtspunkt der Terror Management-Theorie.3 Über Batson hinausgehend, stellen sie nun einen hierarchischen Stufenplan der Eskalation auf, den allerdings nicht alle bis zum Ende durchlaufen müssen: Die Begegnung mit einem alternativen Glauben könne zur Konversion führen, zum Überlaufen ins andere Lager, was aber selten vorkommt. Die meisten begnügen sich mit Verteidigung der eigenen Überzeugung und Herabsetzung der anderen. Der nächste Schritt besteht im Versuch der Missionierung, der weitere in einer Integration des anderen Glaubens in den eigenen durch eine Umdeutung des anderen; einzelne Elemente werden dort herausgelöst und in einem entschärften Sinne ins eigene System integriert. Alle diese Formen des Umgangs sind ohne Zweifel auch alltäglich zu beobachten. Wenn aber alles das nicht gelingt, kommt es zu drastischeren Mitteln: Die anderen werden mit ’dem Bösen‘ identifiziert, verfolgt und getötet.
Daraus ergibt sich ein interessanter, plausibler Perspektivenwechsel. Bei kriegerischen Aktionen und Terroranschlägen wird in der Regel über den Missbrauch von Religion für politische oder wirtschaftliche Zwecke geklagt, als stehe dahinter nichts anderes als eine bewusste böse, gierige Absicht. Aus der Sicht der Terror Management-Theorie zeigt sich ein anderes Bild: Solche Gewaltakte sind primär ein psychologisches Phänomen, das sich aus der intensiven Identifikation mit einer Religion oder Weltanschauung ergibt, während die handfesten Interessen ein sekundäres Moment darstellen. Denn nur durch diese innere Psychodynamik lässt sich die Intensität der Emotionen, der gewaltige Hass erklären, der gar nicht mehr imstande ist, Interessen abzuwägen und den Preis zu bedenken, der dafür bezahlt wird und sogar im feiwilligen Tod bestehen kann. Was den inneren Terror der conditio humana managen soll, produziert in der Abwehr realen Terror nach außen. Der Glaube hätte ja dem Tod den Stachel nehmen sollen, und wenn der Tod nun gesucht wird, kann das nichts anderes heißen, als dass Menschen um jeden Preis versuchen, eine Bedeutung aufrecht zu erhalten, um nicht umsonst gelebt zu haben und für etwas gestorben zu sein. Nach Becker erfahren sich solche Menschen als „Heroen der Todesverleugnung“4. Wiederum ist es die Religion, die verführt. ...
Gerade wegen der Versuchungen, denen die Religion aussetzt, sollte auch die Gesellschaft Interesse daran haben, die Religion nicht aus dem Vernunftdiskurs zu entlassen. Die Vorstellung der Aufklärung in ihrer religionskritischen Variante, dass Religion eines Tages keine Rolle mehr spielen würde, wird gerade durch gegenwärtige politische Erfahrungen widerlegt. Wenn aber nicht mehr geschieht, als die terroristischen Auswüchse des religiösen Fanatismus zu bekämpfen, geht darüber das Bewusstsein für die lebenserhaltende Kraft religiöser Ganzheitsvorstellungen verloren. Dann wird jener gefährliche Kreislauf in Gang gesetzt, den die Terror Management-Theorie schildert: Menschen, die den Sinnrahmen ihres Glaubens verteidigen, sehen sich immer stärkerer Bedrohung ausgesetzt und reagieren darauf mit immer radikalerem Widerstand. Gegen diese Eskalation hilft nur der Respekt vor Religion und die geduldige Auseinandersetzung der Vernunft mit religiösen Vorstellungen.
Kirchliche Lehre und Verkündigung haben immer auch die gefährliche Sucht nach idealen Verhältnissen genährt, aus Angst, die Menschen könnten sich von Gott befreien wollen und abhängig werden von ihren irdischen Bedürfnissen. Das Gegenmodell macht freilich nicht weniger abhängig, denn auch die Verleugnung aller Bedürfnisse lässt Menschen nichts Besseres hervorbringen. Aber die Religionspsychologie hat plausibel gemacht, dass die Gefahrenquelle woanders zu suchen ist. Die Chance, das Doppelgesicht der Religion zu beenden, liegt im Erkennen von psychischen Mechanismen und Mustern, um nicht mehr in solche Fallen zu tappen und einen anderen, bewussten und reflektierten Umgang damit zu finden. Daher befindet sich die Theologie auch in einem kritischen Spannungsverhältnis zu kirchlichen Strategien des Umgangs mit Menschen. Theologie als Vernunftdiskurs steht kirchlicher Politik ähnlich gegenüber wie die Politologie dem politischen Handeln und sollte ein Korrektiv ohne Macht und Abhängigkeit sein, eine Quelle der Einsicht, wenn auch ohne Anspruch auf Vollkommenheit.
Das Ganze und Heile im Auge behalten und dennoch in die Brüchigkeit des Lebens einstimmen, das ist die befreiende Wirkung religiöser Überzeugung im Rahmen der Vernunft. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer wusste sich "Von guten Mächten wunderbar geborgen", als er wenige Tage vor Kriegsende, am 9. April 1945, seiner Hinrichtung durch das Nazi-Regime entgegenging. Aber das kann nicht von allen erwartet werden. Die Reaktionen von Feindseligkeit und Terror sind, wie Geschichte und Gegenwart zeigen, um vieles wahrscheinlicher. Daher braucht es auch eine verantwortliche Politik, die Menschen nicht zum Äußersten treibt, um sie nicht den Versuchungen der Religion auszuliefern.

Anmerkungen

1. Willibald Feinig, Vergessener Gesandter. Denkmal für Johannes XXIII, Salzburg 2004, 12.

2. Vgl. z.B.: J.Greenberg / S. Solomon / Th. Pyszczynski, Terror Management Theory of Self-Esteem and Social Behavior. Empirical Assessments and Conceptual Refinements, in: M.P. Zanna, ed., Advances in Experimental Social Psychology, New York 1997, 61-139.

3. Th. A. Pyszczynski / S. Solomon / J. Greenberg, In the Wake of 9/11. The Psychology of Terror, Washington 2003.

4. Becker, 123ff.

 

 

Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie
Evangelisch-Theologische Fakultät
Universität Wien

Schenkenstraße 8-10
5. Stock, Zimmer: 5OG 038
1010 Wien

T: +43-1-4277-328 01
F: +43-1-4277-9328
E-Mail
Universität Wien | Universitätsring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-0