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Univ.-Prof. em. Dr. Susanne Heine

Theologie als Ressource des christlich-muslimischen Gesprächs

Vom Rektorat der Universität Wien im November 2006 als Forschungsprojekt mit "hohem Zukunfts­potential" angenommen und gefördert.

Theologieloser Dialog. Der wachsende Anteil des Islams in der religiösen Landschaft Europas löst eine doppelte Reaktion aus: Abwehr im Kontext von Ausländerfeindlichkeit auf der einen, Bemühun­gen um Integration auf der Basis europäischer Menschenrechtsmaximen auf der anderen Seite. Beide Reaktionen klammern aber die theologische Dimension aus. Religion bzw. Theologie werden vielmehr grundsätzlich als Konfliktursache angesehen, die es zu beseitigen gelte, um der Aufklärung Platz zu schaffen. Dieses Verdikt trifft das Christentum ebenso und lässt Verständigungsversuche regelmäßig dort scheitern, wo es darauf ankäme, der Nähe, aber auch der deutlichen Differenz zweier Religionen in sachgerechter theologischer Reflexion auf den Grund zu gehen.

Österreichische Kompetenz. Muslime sind aus den ehemaligen Kolonien europäischer Staaten und als Gastarbeiter und Flüchtlinge nach Europa gekommen. Durch die europaweit früheste Anerken­nung spielt der Islam in Österreich eine besondere Rolle. Das hat bis heute Auswirkungen in dem Bemühen um eine europagerechte Lebensgestalt dieser Religion. Das Projekt will diese Tradition aufgreifen und durch die Konzentration auf die Theologie vertiefen.

Das Ziel des Projektes besteht darin, die Unterschiede der Glaubensauf­fassung dort klarzustellen, wo sie wirk­lich vorlie­gen, so dass beide Religionen jenseits von Feindbildern oder romantischen Ein­heits­vor­stellungen ihr je eigenes Profil zeigen können. Dazu gehören in der Folge auch die aus den theo­logischen Quellen erhobenen Voraussetzun­gen für Religionsfrei­heit, Demokratie, Pluralismusfähigkeit und Gewaltverzicht. Erst dann lässt sich die Frage beant­wor­ten, was beide Religionen auf je ihre Weise zur Lebens­kraft der europäi­schen Gesellschaft beizutragen vermögen. Das Ergebnis soll ein Handbuch mit allgemein verständlichem Profil beider Religionen auf wissenschaftlicher Grundlage sein, das die Begegnung von Christen und Muslimen ohne Ausklammerung der Religion ermöglicht. Die Texte werden von einer kleinen theologi­schen Expertengruppe erstellt, von einem Advisory Board mit Wissenschaftler/innen aus dem In- und Ausland begutachtet und gemeinsam diskutiert.

Voraussichtlicher Abschluß: 2011

Publikationen:

  • Religiöse Bildung als Gewaltprävention?, in: Friedrich Schweitzer (Hg.), Religion, Politik und Gewalt (Dokumentation des XII. Europäischen Kongresses für Theologie, Berlin, September 2005), Gütersloh 2006, 158-171.
  • Islam in Österreich. Realität - Entwicklungen - Zukunftsperspektiven, in: Grete Anzengruber/Elke Renner (Hg.), Religiöser Fundamentalismus. Informationen - Analysen, "Schulheft" 119/2005, Innsbruck-Wien-Bozen, 2005, 109-123.
  • Liebe oder Krieg. Das Doppelgesicht der Religion, Wien: Picus, 2005.
  • Religion als Treibstoff gewaltsamer Politik. Eine religionspsychologische Perspektive, in: Brigitta Rollett/Marion Herle/Ingrid Braunschmid (Hg.), Eingebettet ins Menschsein: Beispiel Religion, Aktuelle Studien zur religiösen Entwicklung, Bd. 3, Lengerich-Berlin u.a.: Pabst, 2004, 139-145.
  • Zukunft der Religion - Sieben Thesen, in: Karl Acham (Hg.), Zeitdiagnosen 5: Die geistige Signatur des künftigen Europa (Dokumentation der Veranstaltungsreihe "Masterminds" im Rahmen von Graz - Kulturhauptstadt 2003), Wien: Passagen, 2004, 67-74.
  • Islam in Austria. Between Integration Politics and Persisting Prejudices, in: W.A.R. Shadid/P.S. van Königsveld (Hg.): Intercultural Relations and Religious Authorities: Muslims in the European Union, Leuven [u.a.] 2002, 27-48.
  • Derselbe Artikel, in: Günther Bischof/Anton Pelinka/Hermann Denz (Hg.), Religion in Austria, Contemporary Austrian Studies Vol. 13, New Brunswick (USA) - London: Transaction, Innsbruck 2005, 100-124.
  • Herrschaft und Liebe, in: Werner Brändle/Gerhard Wegner (Hg.), Unverfügbare Gewißheit. Protestantische Wege zum Dialog mit den Religionen, Hannover 1997, 88-105 (zur EXPO 2000).
  • Islam zwischen Selbstbild und Klischee. Eine Religion im österreichischen Schulbuch (Hg.), Köln-Wien 1995.

Summary:
The growing segment of Muslims in Europe's religious landscape triggers a twofold reaction: rejection within a xenophobic context on the one side, efforts to integrate on the basis of human rights on the other. Both reactions, however, exclude the theological dimension. Religion and theology are rather seen as primary motivation for conflicts so that religion has to be eliminated in order to allow enlightenment to unfold. This stance prevents attempts at communication precisely where it would be important in order to investigate with appropriate theological reflection the closeness but also the decided differences of two religions. The project "Theology as Resource for the Christian-Muslim Dialogue" wants to examine where differences in the understanding of belief actually occur, so that both religions can show their respective profiles beyond hostilities and romanticized ideas of unity. The aims are: to correct misunderstandings and unrealistic ideas about both religions, to name the actual differences beyond cultural manifestations and thus to explore the ground for a constructive contribution to a shared Europe. The result is intended to be a handbook for a wider public on a scholarly basis.

"Die heilige Natur". Ontologische Konzepte im religiösen Kontext

Der ontologische Naturbegriff unterscheidet sich vom naturwissenschaftlichen dadurch, dass die Natur nicht als Objekt empirischer Erforschung gesehen wird, sondern als initiative, selbsttätige Energie, die alles hervorbringt, indem sie die im jeweiligen "Wesen" angelegten Potentiale zur Entfaltung bringt, wenn nichts dazwischenkommt. In diesem Verständnis ist die Natur "Subjekt"; sie "handelt" in der Weise der Selbstentfaltung bzw. Selbstaktualisierung zum Wohl des Individuums. Dieser naturphilo­sophische Ansatz, der sich teilweise auf Aristoteles beruft und oft mit der Vorstellung einer evolutio­när-finalen Transformation zusammengeht, wurde von den Naturwissenschaften immer heftig be­kämpft, hat diese aber auch immer kritisch begleitet. Ein solches ontologisches Denken, das aus dem wissen­schaftlichen Diskurs weitgehend entlassen wurde, findet sich jedoch implizit in vielen Disziplinen wie etwa in der Pädagogik, Philosophie, Psychologie und Kunsttheorie sowie in feministischen Positi­onen (Differenz- oder Essenzfeminismus). Dies kann sich theoretisch mit einem bestimmten Religi­ons­verständnis und praktisch mit einem bestimmten Glaubenstypus verbinden (von Klaus-Peter Jörns empirisch erhoben), der den Begriff der Spiritualität in den Mittelpunkt stellt und auf keine Inhalte konkreter Religionen mehr referiert. Ontologische Konzepte haben problematische Folgen für die Einschätzung der Leis­tungen des Bewusstseins und damit auch für die Ethik. Dieses Projekt hat zum Ziel, onto­logische Denkformen, die heute besonders populär sind, in verschiedenen Disziplinen zu erheben und im geistes- und ideengeschichtlichen Kontext kritisch zu untersuchen, um sie einem wissenschaftlichen Diskurs anzuschließen und nicht als "Irratio­nalismus" in esoterische Grup­pen zu entlassen. Daraus kann sich auch ein geschärfter Blick für die Konstruktbildung in der empirischen Forschung ergeben.

Summary:
The ontological understanding of nature differs from a scientific approach to nature. Nature is not regarded as an object of investigation, but an initiative energy which unfolds the potentials of an essence. Those who act for this concept partly refer to Aristotle and fight against a scientific stance which reversely fend the ontological modes of thinking and exclude ontological concepts from the scientific discourse. But ontological concepts can be implicitly found within various disciplines: in Pedagogics, Philosophy, Psychology or feminist positions and also in the conceptualisation of Religion where it creates certain types of faith (empirically discovered by Klaus-Peter Jörns) focusing on spirituality without any connection with the contents of specific belief-systems. The aim of this long-term project is to critically investigate ontological forms of thinking within these various disciplines in order to bring back this special approach to a rational discourse. This also may benefit more precise empirical studies.

Teilprojekt innerhalb der Forschungsplattform “Religion and Transformation in Contemporary European Society” der Universität Wien

Publikationen:

  • Die Erfüllung von Religion im philosophischen Denken. Susanne K. Langers ontologisches Naturverständnis, in: Petra Bahr/Cornelia Richter (Hg.), Naturalisierung des Geistes - Symbolisierung des Fühlens. Susanne K. Langer im Gespräch der Forschung, Marburg 2007.
  • Die Religion der "Heiligen Natur". Freud und Jung - der bleibende Bruch, in: Quart, Zeitschrift des Forums Kunst-Wissenschaft-Medien, 2006 (Nr. 2).
  • Human Rights and Images of the Female. Historical Roots of a Dilemma,
    in: Jindrich Halama (Hg.): The Idea of Human Rights. Tradition and Presence, Prag 2003, 85-97.
  • Rechtfertigung und Ehe, in: E. Genre / A. Grillo (Hg.): Giustificazione - Chiese - Sacramenti. Atti del convegno internazionale di teologia, Studia Anselmiana 137, Roma 2003, 63-81.
  • Frauenbilder - Menschenrechte. Theologische Beiträge zur feministischen Anthropologie, Hannover 2000.
  • Sein geht vor Sollen. Der ontologische Zugang zur Rechtfertigung mit einem Ausblick auf den interreligiösen Dialog, Dokumentation des Weltkongresses des Lutherischen Weltbundes vom 27.-31. Oktober 1998 in Wittenberg, Genf 2000, 95-97 (mit dokumentierter Diskussion).
  • Being precedes doing. The ontological approach to justification with reference to interreligious dialogue, in: Wolfgang Greive (ed.), Reinterpretation of the Doctine of Justification, Lutheran World Federation, Stuttgart 2000, 81-93.
  • Die "Heilige Natur". Zur Aktualität ontologischen Denkens in der Psychologie, in: Christian Henning/Erich Nestler (Hg.), Religionspsychologie heute, Frankfurt/Main 2000, 161-180.
  • Wandel der Glückseligkeiten. Der Wohlfahrtsstaat als Schicksalsmacht?, in: Manfred Prisching (Hg.), Ethik im Sozialstaat, Wien 2000, 173-194.
  • Utopische und realistische Anthropologien im Diskurs um die Geschlechterdifferenz, in: Welt in Bewegung. Festschrift 40 Jahre Afro-Asiatisches Institut in Wien, Petrus Bsteh (Hg.), Wien 1999, 63-74.
  • Die "heilige" Natur. Zur Aktualität ontologischen Denkens in der Psychologie bei Carl R. Rogers und C.G. Jung als Folge eines neuzeitlichen Verdrängungsprozesses, in: Berliner Theologische Zeitschrift, H. 2, 1997, 233-252.
  • Montessori und die Vergottung des Kindes, in: Waltraud Harth-Peter (Hg.), "Kinder sind anders". Maria Montessoris Bild vom Kinde auf dem Prüfstand; Dokumentation des Montessori-Kongresses in Berlin 1995, Würzburg 1996, 227-242.

Grundlagen der Religionspsychologie

Die weit verzweigte religions­psycho­logische Forschung und die Vielzahl ihrer Einzel­ergeb­nisse verlangt zunehmend nach Zusam­men­schau und Überblick. Dieser Auf­gabe stellten sich bisher enzy­klopädische Übersich­ten, his­torische Essays, Beschrei­bungen der Arbeits­felder und Ein­führungen in die Methoden empirischer Verfahren. Dieses Projekt geht einen anderen Weg. Es versucht, hinter die Kulissen psycholo­gischer Theorie­bildung zu schauen und die philosophi­schen Voraus­setzungen zu erhe­ben, die jeweils das Menschen- und Religionsverständnis, aber auch die empirische Methodolo­gie bestim­men. Die Forderung an die Psy­cho­logie und die Reli­gi­ons­psychologie, ihre impliziten Prä­missen offen zu legen, ist beinahe so alt wie die beiden Disziplinen selbst es sind, und wird im­mer noch erhoben. Das Projekt nimmt diese Heraus­forderung an und versteht sich daher auch, unabhän­gig vom Thema Religion, als eine Einführung in die Grundlagen der Psychologie. Material dazu bietet eine paradigmatische Auswahl von Positionen, die geeignet sind, die immer wiederkehrenden Prob­leme und Fragen dieser jungen Wissenschaft aufzuzeigen. Daher liegt der Fokus des Projektes auf denjenigen Persönlichkeiten, die in diesem Fach innovativ waren und Konzepte mit nachhaltiger Wirkung entwickelt haben. Dabei werden die fließenden Grenzen zwischen Psychologie und Religi­onspsychologie deutlich, denn keiner der Pioniere der Psychologie kam am Thema Religion vorbei. So versteht sich dieses Projekt als wissenschaftstheoretischer Beitrag zur Methodologie und damit zur Grundlagenforschung.

Dieses Projekt knüpft auch an eine abgebrochene Tradition an der Wiener Evangelisch-Theologi­schen Fakultät an, an der Prof. Karl Beth, 1906 aus Berlin berufen und 1938 zur Emigration in die USA gezwungen, die Religionspsychologie betrieb. 1922 gründete er die "Internationale Religionspsy­chologische Gesellschaft" mit einem angeschlossenen "Forschungsinstitut für Religionspsychologie", das Wissenschaftler aus aller Welt zusammenführte (z.B. C.G. Jung und E.D. Starbuck).

Das Projekt wurde abgeschlossen und ist unter dem Titel "Grundlagen der Religionspsychologie. Modelle und Methoden" im Herbst 2005 im Verlag Vandenhoeck&Ruprecht in Göttingen als UTB-Studienbuch (2528) erschienen. (Inhaltsverzeichnis)

Summary:
This project deals with the question of conceptualization and function of religion in empirical and non-empirical psychological positions. It examines various often hidden philosophical premises in order to contribute to main questions of epistemology.The project also resumes an interrupted tradition of the Protestant Faculty in Vienna, where Professor Karl Beth, forced to emigrate in 1938, worked in the field of psychology of religion.

Forschungsprojekte-Betreuung im Rahmen des Sokrates-Netzwerkes "Advanced Study in Psychology of Religion"

(Projekt an der Universität Wien nicht mehr verfügbar.)

Abgeschlossene Projekte:

  • Mag. Dr. Elisabeth Hofstätter (Religionswissenschaftlerin, Indologin, Wien): Shiva und Narcissus. Eine Studie zum Problem der Übertragung psychoanalytischer Theoriebildungen auf den indischen Kontext am Beispiel der Narzissmustheorie von Sudhir Kakar.
  • Dr. Hermann-Josef Wagener (römisch-katholischer Theologie und Pfarrer, Deutschland): Konstruktionen der Religiosität von Rainer Maria Rilke. Eine kritische Analyse aus entwicklungspsychologischer Perspektive.
  • Mag. Gerald Virtbauer (Religionswissenschaftler und Psychologe, Wien-London): Intersubjektivität in Mahāyāna-Buddhismus und relationaler Psychoanalyse.
  • DDr. Mag. Human-Friedrich Unterrainer (Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, Universitätslektor): MI-RSB 48 – Die Entwicklung eines multidemensionalen Inventars zum religiös-spirituellen Befinden, in: Diagnostica, Volume 56/2, 2010.

Kontakt:
O. Univ. Prof. em. Dr. Susanne Heine
Tel. +43-(0)-664-
4507215
E-Mail: susanne.heine@univie.ac.at

 

 

 

Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie
Evangelisch-Theologische Fakultät
Universität Wien

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