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Dr. Arndt Kopp-Gärtner

Dissertationsprojekt: Religion als salutogene Ressource. Ein geistiges Phänomen im Zugriff empirisch-quantitativer Methodik

Die über weite Strecken empirisch-quantitativ ausgerichtete Religionspsychologie (RPS) in den USA versucht seit einigen Jahrzehnten mit steigendem Engagement auf unterschiedlichste Arten operatio­nalisierte Religiosität mit unterschiedlichsten Gesundheits- und Krankheitsmaßen zu korrelieren. Der hinter dieser Forschung steckende Antrieb verdankt sich auch einer Krise im Gesundheitssystem, dessen Arbeits- und Geldaufwand sozialökonomisch vertretbare Grenzen sprengt. Religiosität erscheint so als billige und leicht zugängliche Gesundheitsvorsorge, als Unterstützung im Behand­lungs- und Hei­lungs­prozess und im Krankheitsfall als Bewältigungsressource.

Die hohe, kaum mehr überschaubare Anzahl von Forschungsarbeiten mit ihren heute dank leicht zugänglicher EDV-Unterstützung elaborierten statistischen Auswertungsmethoden scheint gegen das hartnäckige Vorurteil, Religion sei letztlich ein Neurosenäquivalent bzw. ein an niedrige Entwick­lungsstufen gebundenes Sozialphänomen, das sich in Folge des weiteren technisch-rationalen Fortschritts von selbst erledigt, mit empirisch-quantitativen Methoden eine positive Wirkung von Religiosität beweisen zu wollen, um einer aufklärungsresistenten Religiosität über ihre ge­sundheitsfördernde Funktion einen Platz im psychischen Leben zu sichern. Die in Form von Korrelationen gefundenen und vielfältigen Einschränkungen unterworfenen Ergebnisse werden dann gerne im Sinne einer Kausallogik überinterpretiert, indem Aspekte von Religiosität als Mitursache für Krankheiten oder für auf Gesundheit bezogene Konstrukte (z.B. Kontrollierbarkeit) verstanden. Der Terminus "Inter­pretation" rekurriert auf ein in der empirisch-quantitativen Methodik völlig unterbelichtetes Element. Diltheys Diktum, "die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir", verbunden mit der Dichotomisierung von naturwissenschaftlich-erklärender (in diesem Kontext empirisch-quantitativer) und geistes­wissenschaftlich-verstehender Methodik, lässt sich in diesem Feld nicht aufrechterhalten: Die quantitativen Ergebnisse der RPS sind auf vielfältige Interpretationsprozesse angewiesen, die der objektiven statis­tischen Zahlenauswertung voraus- und damit in diese eingehen. Zwar ist man sich der Interpretations­notwendigkeit der Ergebnisse bewusst, aber verstehende Prozesse werden kaum reflektiert, wie (1) die Wahl eines theoretischen Bezugrahmens als perspektivisch-limitierender Zugang, von dem sich die Konstrukte herleiten, (2) die Ableitung von Hypothesen aus dem gewählten Bezugsrahmen zur Überführung der relativ unspezifischen Theorien in die Form testbarer Hypothesen, (3) die Umsetzung der verwendeten Konstrukte in eine Anzahl von Items (Operationalisierung) zur Ermöglichung einer metrischen Quantifizierung, (4) das Verstehen und Quantifizieren abgefragter innerer psychischer Größen beim Probanden.

Die Pastoralpsychologie wiederum beschränkt sich nahezu ausschließlich auf die Rezeption geistes­wissenschaftlich ausgerichteter psychologischer Theorien und rezipiert - wenn überhaupt - die mehr­heitlich empirisch-quantitativ ausgerichtete Universitätspsychologie nur am Rande. Dabei könnte erstere von letzterer profitieren: nicht indem empirisch-quantitative Forschung die Frage "wie es wirk­lich ist" beantwortet, sondern indem sie die unabschließbare Vielfalt möglicher Konstrukte und damit Perspektiven und deren vielfältige, häufig der Intuition widersprechende Beziehungsgeflechte in Form von Korrelationen als Möglichkeiten aufzeigt und so als Korrektiv zum eher normativen Blick der Theologie dient: Wer den rechten Glauben hat, muss nicht schon das rechte Leben führen und gesund sein bzw. seine Krankheit bewältigen. Empirisch-quantitative Forschung erweitert die Wahr­nehmung unterschiedlicher menschlicher Lebensformen und damit die Menschenkenntnis, was speziell für Seelsorge und Homiletik Relevanz haben sollte.

Abgeschlossen im Juni 2006.

 

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